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QueerWiki Kernbegriffe
Unsere wissenschaftlichen Kernbegriffe sind Geschlecht, Gesundheit, Ethik und Beziehungsparadigma.
Dimensionen des Geschlechtslebens
Geschlecht ist einerseits ein extrem komplexes Feld, andererseits ein Thema, das jedem Menschen ganz persönlich unter die Haut geht, Geschlecht bedeutet nackt und verletzlich sein. Geschlecht ist eine elementare Tatsache. Im Alltag ist Geschlecht eine fulminante Realität, die das Leben jedes Menschen bestimmt; jeder Mensch ist geschlechtlich einzigartig. Daher ist Geschlecht vielfältig.
Nun steht Geschlecht nicht wie ein Denkmal statisch in der Landschaft, sondern ist recht lebendig, existiert als buntes, individuell einzigartiges Geschlechtsleben.
In der lebendigen Vielfalt und Einzigartigkeit lassen sich 4 grundlegende Dimensionen ausmachen.
Nämlich:
- Erotik: Hierzu gehören Phänomene wie Lust, Leidenschaft, Orgasmen, Ekstase, Befriedigung usw.
- Fürsorge: unter anderem Beziehungsqualitäten wie Wärme. Güte, sich kümmern um, Fürsorge, Pflege
- Macht: Beziehungsqualitäten wie Führung, Herrschaft, Dominanz, Partnerschaft, Stärke, Überlegenheit
- Gewalt: Einvernehmlichkeit, Zwang, physische, psychische, soziale, strukturelle Gewalt, Kraft.
Träger des individuellen Geschlechts ist der lebendige Leib. Diese vier Bausteine werden leiblich als Lust, Wärme, Zufriedenheit, kurzum Geschlechtseuthymie, als Aspekt von Gesundheit, erlebt.
Leib – geschlechtliche Existenz
Auf die Frage wer und was wir im Kern als Individuen sind, können verschiedene Antworten gegeben werden. Zunächst sind wir Menschen, gute und weniger gute. Existenziell erleben wir uns geschlechtlich als Frau, Mann, Enbie, Kind, Mutter, Vater usw.
Realistisch gesehen sind wir schlicht und einfach lebendig, also Lebewesen, als lebend(ig)e Existenz, wir existieren als Körper, sind mehr oder minder geistvoll, glauben, dass wir eine Seele/Psyche haben und Beziehungen zu anderem Menschen zu unserer persönlichen Realität gehören.
Die Gesamtheit/Ganzheit unserer körperlichen, psychischen und sozialen lebendigen Existenz/Realität nennen wir Leib.
- Wir erleben uns geschlechtsleiblich
- existenziell als Mensch/Person (z-B. mit Geschlechtsinkongruenzen), Frau, Mann, queer, Two Spirits, Kathoy, Hijra, Fa’afine, Intersexed, Enbie, Kind, Mutter, Vater, Geschwister usw. , also als Person in einer Geschlechtsvariante
- gesundheitsbezogen als geschlechtseuthym, verletzlich, geschlechtsinkongruent usw.
- Der Geschlechtsleib ist Träger (oder Brücke) unser geschlechtsleiblichen Existenz und Gesundheit.
Alteritätsethische Orientierung
Wir kennen begrifflich auch eine Metadimension, die vier Basisdimensionen vorgeordnet ist, nämlich Alterität. Für uns steht nicht so sehr das Gemeinsame, das, worin wir uns gleichen, im Vordergrund, sondern die Differenzen zwischen den Individuen.
Unser alteritätsethisches Konzept bezieht sich vor allem auf das Werk des französisch-litauischen Philosophen Emmanuel Lévinas. In dessen Konzept steht der Andere, der Nächste, absolut im Vordergrund. Er geht nicht von autonomen, unabhängig handelnden Subjekten und deren Ego, Egoismus, Vorstellungen, Zielen und Zwecken aus, sondern vom absoluten Anspruch des Anderen, Nächsten, auf den wir immer schon auf irgendeine Weise antworten. Wir sind dem Anderen, Nächsten, in seiner Verletzlichkeit Güte schuldig, eben weil wir auch verletzlich und verletzt sind. Ähnlich wie der barmherzige Samariter sind wir die »Geisel« des verletzten Anderen, Nächsten, wir sind ihm in unserem Handeln absolut verantwortlich. Beim Konzept der Alterität geht es nicht um Selbstgefälligkeit, sondern um (je) meine absolute Verantwortung gegenüber dem Anderen.
Unsere alteritätsethisch orientierte Praxis der geschlechtlichen Gesundheitsversorgung leitet ihre Humanität und Ethik aus zwischenmenschlichen Beziehungen her (Bennent-Vahle).