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Wie viele lsbattiq Personen leben in Baden-Württemberg? Und können wir sie überhaupt zählen?


(Version in allgemeinverständlicher und inklusiver Sprache)


Autorinnen: Corinna Wintzer und Dr. Dr. Claudia Haupt (Themengruppe Evidenz Netzwerk LSBTTIQ Baden-Württemberg, GRADE-HSU Working Group)


Eine häufige Frage beim Thema sexuelle und geschlechtliche Vielfalt ist die nach dem Anteil von lsbattiq Personen an der Bevölkerung. Mit anderen Worten: Wie viele lesbische, schwule, bi(+), asexuelle, trans, intergeschlechtliche und queere Personen gibt es eigentlich?
Eine derartige Schätzung ist sowohl für die Community als auch zum Beispiel für die Politik hilfreich. Warum? Zahlreiche wissenschaftliche Übersichtsarbeiten weisen darauf hin, dass die gesundheitliche Situation der lsbattiq Bevölkerung schlechter ist als die der Allgemeinbevölkerung. So treten z. B. Stresserkrankungen und Suchtprobleme häufiger auf. Auch die Suizidrate ist höher. Aufgrund der Vielzahl und Schwere der sozialen und gesundheitlichen Probleme haben lsbattiq Personen einen erhöhten Beratungsbedarf.
Gute Beratung braucht qualifiziertes Personal und geeignete Räumlichkeiten. Daher müssen Politik und Verwaltung entsprechende Mittel einplanen. Derzeit können gemeinnützige Organisationen bei Kommunen, Ländern oder dem Bund Mittel für solche Beratungsleistungen beantragen. Solche Anträge müssen zwangsläufig den Bedarf abschätzen und kommen daher nicht ohne die Frage nach der Zahl der Betroffenen aus.

Im Frühsommer 2021 diskutierten die Themengruppe Evidenz und der damalige Sprechendenrat über die Zielsetzung dieser Untersuchung. Herausgekommen ist ein Fragenkatalog, der sich am Namen des Netzwerks orientiert:

  1. Wie viele lesbische Frauen/Personen gibt es in Baden-Württemberg?
  2. Wie viele schwule Männer/Personen gibt es in Baden-Württemberg?
  3. Wie viele bisexuelle Personen gibt es in Baden-Württemberg?
  4. Wie viele asexuelle (ace) Personen gibt es in Baden-Württemberg?
  5. Wie viele intergeschlechtliche Personen gibt es in Baden-Württemberg?
  6. Wie viele trans/transgender/transexuelle (gender diverse, gender nonconforming, geschlechtsvariante) Personen gibt es in Baden-Württemberg?
  7. Wie viele queere Personen gibt es in Baden-Württemberg?
  8. Wie groß sind die Überlappungen?

Eine erste Recherche in Datenbanken ergab, dass sehr viele Studien zum Thema vorliegen. Deren Qualität schwankt teils stark. Schlagzeilen über die Anzahl von lsbattiq Personen stammen teilweise von Meinungsforschungsinstituten. Deren Auswertungsmethoden sind aber teilweise Betriebsgeheimnis. Zuverlässiger sind Ergebnisse aus nationalen Erhebungen. Schließlich gibt es umfangreiche und methodisch gute Übersichtsarbeiten. Bei den folgenden Ergebnissen beschränken wir uns auf die Staaten der OECD, da diese derzeit einen ähnlichen rechtlich-kulturellen Hintergrund besitzen.
Die Themengruppe Evidenz beschloss daher, einen Scoping Review, d. h. eine spezielle Übersichtsarbeit zu erstellen. Ein Review erfordert eine systematische Recherche in verschiedenen wissenschaftlichen Literaturdatenbanken. Diese wurde von Jaqueline Huber von der Universität Zürich durchgeführt. Auf Grundlage dieser Recherche erfolgt nun die Datenauswertung und Bewertung der Ergebnisse. Dieser Text gibt einen ersten Überblick über die Ergebnisse. Eine ausführlichere und komplexere Form dieses Textes finden Sie hier: Fachartikel Langversion

Zur Gruppe der transgender Personen, die medizinische Maßnahmen anstreben, liegen die belastbarsten Daten vor. Denn die Verordnung von Medikamenten oder die Anzahl bestimmter chirurgischer Eingriffe lässt sich recht leicht erfassen. Für die Jahre 2015 und 2016 liegen Ergebnisse vor, die darauf schließen lassen, dass zwischen 0,0046 % und 0,01 % der Bevölkerung medizinische Maßnahmen zur Geschlechtsangleichung in Anspruch nehmen.
Höher liegen die Zahlen, wenn nach der Selbstbeschreibung als trans bzw. transgender gefragt wird. Für Personen, die sich selbst als trans oder transgender beschreiben, reicht die Spanne von 0,355 % über 0,5 % bis hin zu 3 % (Meinungsumfrageinstitut Ipsos 2021).
Insofern hängen alle Zahlen zu trans und nicht-binären Personen stark von der Fragestellung ab.

Bei intergeschlechtlichen Personen gibt es die Besonderheit, dass sich die Community eher mit allgemeinen Begriffen wie „intergeschlechtlich“ selbst beschreibt, während die Medizin den diagnostischen Weg geht. Für intergeschlechtliche Personen liegen Daten aus medizinischen Studien und systematischen Reviews vor. Diese beschreiben jedoch, wie vielen Menschen eine bestimmte Diagnose durch medizinisches Personal zugewiesen wurde. Je nachdem, welche Diagnosen als Variante der Geschlechtsentwicklung eingeschlossen werden, sind wahrscheinlich zwischen 0,018 % und 3,8 % der Bevölkerung intergeschlechtlich.

Als lesbisch beschreiben sich in den jeweiligen Studien etwa 0,9 % bis 1,8 % der befragten Frauen. Bei den Männern, die sich als schwul einordnen, ist die Schwankungsbreite größer. Sie beträgt zwischen 1,9 % und 3,78 % der befragten Männer.
Manche Studien fragen nicht nur nach der Selbstbeschreibung. Sie fragen auch, zu welchen Geschlechtern sich die Menschen hingezogen fühlen. Einige Studien fragen dazu auch ab, welche sexuellen Erfahrungen die Menschen haben.
Dabei zeigt sich häufig, dass sich nur ein Teil der Personen, die sich ausschließlich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlen, sich als lesbisch, schwul oder homosexuell beschreiben. Auch der Anteil der Menschen, die sich zu mehr als einem Geschlecht hingezogen fühlen, ist deutlich höher als die Zahl derer, die sich als bi oder pan beschreiben.

Das Bi+-Spektrum umfasst bi-, pan-, omni-, polysexuelle und andere Personen.
Bei Befragungen ist die Schwankungsbreite dieser sexuellen Orientierungen sehr groß.
In einigen größeren nationalen Befragungsstudien aus Großbritannien, Kanada, Australien und Deutschland finden sich zwischen 1,15 % und 1,6 % Personen, die sich als bisexuell beschreiben.
Es gibt allerdings „Ausreißer“ sowohl nach unten als auch nach oben. Aus Neuseeland stammt eine Schätzung mit 0,8 %. In Belgien fand eine große nationale Umfrage 4,52 % bi+ Personen für bei Geburt als männlich zugeordnete Personen und 6,99 % für bei Geburt als weiblich zugeordnete Personen. Befragungen in den USA ergaben häufig noch höhere Werte, zumindest für weibliche Jugendliche. Grundsätzlich scheinen sich Frauen eher als bi+ zu verorten.

Zum asexuellen Spektrum gehören asexuelle Personen, demisexuelle und grau-asexuelle Personen sowie zahlreiche kleinere Gruppen. Je nach Fragestellung beschreiben sich nicht alle dieser Personen als asexuell. In vielen Studien gibt es auch gar nicht die Möglichkeit, sich als asexuell oder ace zu beschreiben.
Legt man nur die Selbstbeschreibungen zugrunde, ergibt sich eine Spanne von 0,3 % (Deutschland) über 0,4 % (Neuseeland) bis 0,6 % (Belgien).

Für „queer“ gibt es eine Fülle an unterschiedlichen Definitionen. Eine einheitliche Gruppe ist daher kaum zahlenmäßig erfassbar.

Die IPSOS-Befragung (2021) schlüsselte sexuelle Orientierungen auf Grundlage von Selbstbeschreibungen auf.
Von den befragten trans und nicht-binären Personen beschrieben sich 19 % als lesbisch/schwul/homosexuell, 9 % als bisexuell, 17 % als pan- oder omnisexuell, 19 % als heterosexuell, 7 % als anderes, 12 % gaben „weiß ich nicht“ an und 4 % machten keine Angaben.

Natürlich sind wir nicht die ersten, die versuchen, die Frage zu beantworten, wie viele lsbattiq Menschen es gibt. Schon die historisch gewachsene und im deutschsprachigen Raum einzigartige Buchstaben-Kombination „LSB(A)TTIQ“ wies uns auf eine augenscheinliche Schwierigkeit hin: Wonach suchen wir am besten? Wie definieren die Forschenden, was sie untersuchen? Nützen uns diese Definitionen? Zumal die Definitionen in einem spezifischen kulturellen Umfeld entstanden sind und entstehen (In der Sexualwissenschaft und in den Medien werden meist in Europa und Nordamerika entstandene Bezeichnungen verwendet. Diese unterscheiden sich teils erheblich von Begriffen z. B. indigener Kulturen).
Geschlecht und Sexualität sind sehr vielfältig. Mit den in Fragebögen üblichen Multiple-Choice-Verfahren und ihren begrenzten Antwortmöglichkeiten ist es schwierig, dieser Vielfalt gerecht zu werden.
Dies ist einer der Gründe, warum wir keine festen Zahlen angeben, sondern lieber Schwankungsbreiten angeben.
Geschlechtliche Vielfalt und sexuelle Orientierung mögen häufig in den Medien auftauchen. Beides sind in der Regel sehr persönliche Tabuthemen, vor allem für Menschen, die einer „Minderheit“ zugerechnet werden und häufig Diskriminierungserfahrungen machen. Schon bei der Formulierung von Fragen können sich Missverständnisse und Verzerrungen einschleichen.
Daher wird das Thema auch in gut anonymisierten Studien von einigen Personen gemieden. Ein unbekannter Anteil macht vermutlich falsche Angaben. Hier scheint der politische Hintergrund nicht unerheblich zu sein: Konservative Personen verstecken ihre sexuelle Orientierung wohl eher als liberal eingestellte.
Deshalb kann das Gesamtergebnis einer Befragungsstudie verzerrt sein und die „wahre“ Einstellung der Befragten nur ungenau erfassen. Auch aus diesem Grund haben wir die Werte verschiedener Befragungen zusammengetragen und geben die Bandbreite der Studienergebnisse wieder.
Manche Studien fragen nach drei verschiedenen Gesichtspunkten: Anziehung, Verhalten und Selbstbeschreibung. Hier zeigen sich teils sehr große Unterschiede. Denn Menschen lassen sich leider nicht „sauber“ in klassische „Schubladen“ aufteilen. Aus diesen Unterschieden lässt sich jedoch ableiten, dass sich Antidiskriminierungsmaßnahmen nicht nur für die offenkundige Community in Baden-Württemberg lohnen. Auch „verborgene“ Gruppen würden davon profitieren, wenn eine größere Bandbreite sexuellen Verhaltens und geschlechtlichen Ausdrucks gesellschaftlich akzeptiert würde.

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  • von c.haupt