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Wie viele lsbattiq Personen gibt es in Baden-Württemberg? Und können wir sie überhaupt zählen?
(Version für Fachpersonen)
Autorinnen: Corinna Wintzer und Dr. Dr. Claudia Haupt (Themengruppe Evidenz Netzwerk LSBTTIQ Baden-Württemberg, GRADE-HSU Working Group)
Einführung
Eine häufige Frage im Kontext sexueller und geschlechtlicher Vielfalt ist die nach dem Anteil der lsbattiq Personen an der Bevölkerung.
Bei dieser Frage müssen wir mehrere politische Aspekte berücksichtigen:
Zum einen sollte die Größe einer Gruppe nicht darüber entscheiden, ob sie eine menschenwürdige Behandlung verdient. Kroschel und Baumgart (2021) erinnern, dass akribische Fragen nach Bevölkerungsanteilen dieser Gruppen traditionell von „Perversionsforschern“ gestellt werden. Diese such(t)en nach den Ursachen der „Devianz“ von der heterosexuellen Norm und möchten die solcherart Abweichenden einer Diagnose und damit einer „Therapie“ zugänglich machen. (Vgl. zur Medikalisierung ausführlicher z. B. Blank, 2012.)
Zum anderen führt z. B. Bailey (2016) an, dass die Community oftmals höhere Schätzwerte aufgrund des damit verbundenen politischen Gewichts bevorzugen würde. Fundamental-religiöse Aktivist_innen behaupten dagegen, dass die „wahren“ lsbattiq Menschen eine verschwindend geringe Minderheit wären, die es darauf anlegen würde, andere mit ihrer „Perversion“ anzustecken (z B. Littman, 2018).
Insgesamt ist die Frage nach dem tatsächlichen Bevölkerungsanteil für z. B. die lsbattiq Community, Politik und Verwaltungen durchaus von Interesse. Zahlreiche systematische Reviews und Studien (Medley et al., 2016; Gilmour, 2019; Pöge et al., 2020) kommen zu dem Schluss, dass vor allem die gesundheitliche Situation von lsbattiq Personen insgesamt schlechter ist als die der Gesamtbevölkerung. So treten z. B. Stresserkrankungen, Suchtprobleme und selbstverletzendes wie auch suizidales Verhalten signifikant häufiger auf (Marchi et al., 2022). Aufgrund der zahlreichen und gravierenden sozialen und gesundheitlichen Probleme besteht ein erhöhter Beratungsbedarf bei der lsbattiq Bevölkerung.
Beratung bedarf z. B. geeigneter Räumlichkeiten und qualifizierten Personals, daher sind die entsprechenden Ressourcen und Mittel von Politik und Verwaltung einzuplanen. Derzeit können dafür von einzelnen Organisationen oder von Verbänden wie dem Netzwerk LSBTTIQ Baden-Württemberg bei Gemeinden, Ländern oder dem Bund Gelder beantragt werden. Solche Anträge müssen zwangsläufig den Bedarf abschätzen und kommen daher ohne eine Frage nach der Größe der lsbattiq Bevölkerung nicht aus.
Der vorliegende Artikel wurde durch das Plenum des Netzwerks LSBTTIQ Baden-Württemberg von der Themengruppe Evidenz erbeten, um entsprechende politische Forderungen mit zuverlässigen Zahlen untermauern zu können. Die Mitglieder der Themengruppe Evidenz sind über die von ihnen vertretenen Organisationen Teil des Netzwerks LSBTTIQ Baden-Württemberg.
Methode
Zunächst wurde in Kommunikation der TG Evidenz mit dem Sprechendenrat des Netzwerks LSBTTIQ im Frühsommer 2021 das Format und Zielsetzung dieses Papers besprochen. Heraus kam ein Katalog von Fragen, der sich am Namen des Netzwerks orientiert:
- Wie viele lesbische Frauen/Personen gibt es in BW?
- Wie viele schwule Männer/Personen gibt es in BW?
- Wie viele bisexuelle Personen gibt es in BW?
- Wie viele asexuelle (ace) Personen gibt es in BW?
- Wie viele intergeschlechtliche Personen gibt es in BW?
- Wie viele trans/transgender/transexuelle (gender diverse, gender nonconforming, geschlechtsvariante) Personen gibt es in BW?
- Wie viele queere Personen gibt es in BW?
- Wie viele asexuelle Personen gibt es in BW?
- Wie groß sind die Überlappungen?
Nachdem die Fragestellung geklärt war, begann Autorin C.H. mit einer ersten Datenbankrecherche, die sich als zu umfangreich erwies. Daher fasste die Themengruppe Evidenz den Beschluss, einen systematischen Review, also eine spezielle Übersichtsarbeit, zu erstellen und zu versuchen, diese Arbeit später in einer geeigneten Form zu publizieren. Hierzu wurde die Informationsspezialistin Jacqueline Huber von der Universitätsbibliothek Zürich mit der systematischen Literaturrecherche beauftragt. Auf Grundlage dieser Recherche erfolgt die Datenauswertung und Beurteilung der Ergebnisse, um die verfügbare Evidenz zu ermitteln. Im Folgenden beschreiben wir möglichst allgemeinverständlich einige markante Ergebnisse des Reviewing; in Vorgriff auf den abschließenden Bericht, der in einer open-peer-reviewten wissenschaftlichen Plattform publiziert wird.
Ergebnisse
Die Datenlage ist insgesamt sehr unübersichtlich und schwankt stark in ihrer Qualität. Neben nationalen Erhebungen mit mehr oder weniger guter Resonanz tauchen Ergebnisse von Meinungsforschungsinstituten auf, deren genaues Vorgehen in der Regel Betriebsgeheimnis ist. Auf der anderen Seite begegnen uns umfangreiche und qualitativ hochwertige Übersichtsarbeiten.
Ergebnisse zum Thema Geschlecht
Wie viele gender diverse, trans, nicht-binäre, transgender, transexuelle, gender nonconforming, geschlechtsvariante, genderinkongruente, genderdysphorische Personen gibt es in BW?
Bezüglich der Gruppe der transgender Personen, die medizinische Maßnahmen anstreben, liegen die belastbarsten Daten vor.
Collin und Mitarb. (2016) wiesen in ihrer systematischen Reviewstudie darauf hin, dass die Höhe der Schätzung einer „transgender Bevölkerung“ von der zugrundeliegenden „trans“-Definition abhängt. Je nach Definition, so Collin, fallen die Schätzungen unterschiedlich aus; man könne von einem 0,01 % bis 0,355 % „trans“ Bevölkerungsanteil ausgehen. Im Review von Arcelus und Mitarb. (2015) legte man explizit den medizinischen Bedarf als Kriterium der Bestimmung des trans Bevölkerungsanteils zugrunde und gelangte zu wesentlich geringeren Schätzungen: Der Anteil betrage 0,0046 % der Bevölkerung ( = 4,6 Betroffene auf 100 000 Personen der Bevölkerung), dabei 6,8 von 100 000 für trans Frauen und 2,6 von 100 000 für trans Männer.
Ältere Studien und Reviews waren noch stark dem binären Geschlechtsdenken verpflichtet und schätzten vor allem „Mann-zu-Frau“ und „Frau-zu-Mann“ „Transgenderpersonen“. Neuere Arbeiten wie jene von Zhang und Mitarb. (2020) hingegen beziehen sich auf umfassende queer-theoretische Konzepte von Geschlecht (z. B. Spektrumssicht, Einbezug non-binären Erlebens) und fokussieren die Gruppe der TGD (Transgender und Gender Diverse)1)) Personen statt älterer Begriffe wie z. B. „transsexuelle/transgender Personen“.
In der Collin-Reviewstudie (ebd., 2016) wird der Anteil von TGD Personen, die chirurgische oder hormonelle geschlechtbestätigende Maßnahmen benötigen,2) auf 0,01 % der Bevölkerung bestimmt.3) Der Anteil erhöht sich, wenn statt medizinischer Maßnahmen die Selbstbeschreibung der Betroffenen zum Einschlusskriterium bezüglich der Studienteilnehmenden wird. Die Schwankungsbreite bewegt sich zwischen 3 % (Meinungsumfrageinstitut Ipsos, 2021), 0,5 % (Williams Institute, 2022) und 0,355 % (Collin et al., 2016) der erwachsenen Bevölkerung. Zhang und Mitarb. (2020) weisen darauf hin, wie wichtig es ist, in Umfragen nicht-binäre Identitäten und „unsicher“ als separate Kategorien abzufragen und stellen fest, dass in großen nationalen Erhebungen (hauptsächlich aus den USA) der Anteil der Selbstverortungen im TGD-Spektrum von Jahr zu Jahr leicht zunimmt.
Der Anteil vor allem der Jugendlichen und Kinder, die sich dem TGD-Spektrum zuordnen, wurde in der Vergangenheit offenbar unterschätzt.4) Aktuelle Schätzungen beziffern den Bevölkerungsanteil an Personen, die sich im Alter von 13 bis 17 Jahren dem Label Transgender zuordnen, mit 1,4% (Williams Institute, 2022) bis 1,8 % (Johns, 2019). Allerdings handelt es sich um Umfragedaten, deren Validität sehr kritisch diskutiert wird (Giordano,2023).
Intergeschlechtlichkeit
Für intergeschlechtliche Personen liegen Daten aus medizinischen Studien und systematischen Reviews vor. Diese beschreiben jedoch eher einzelne Bevölkerungsgruppen, denen jeweils eine bestimmte ICD-Diagnose durch medizinisches Personal zugewiesen wurde (wie Lee et al., 2016). Nicht erfasst wird die Gruppe derjenigen, die sich selbst z. B. als „inter*“, „intergeschlechtlich“ oder „intersexuell“ beschreiben.5) Eine Übersichtsarbeit von Hauck und Mitarb. (2019) kommt zu dem ernüchternden Schluss: „Die analysierten Studien geben Zahlen zwischen 0.018 % und 2.1 % bzw. 3.8 % aller Geburten als Gesamthäufigkeit von Varianten der Geschlechtsentwicklung bzw. des urogenitalen Systems an. Diese hängen stark von der Definition und den eingeschlossenen Formen ab. Die Seltenheit einiger Formen und die kritikwürdigen Untersuchungsmethoden erschweren die Erhebung belastbarer Ergebnisse.“ (Hauck et al., 2019)
Ergebnisse zum Thema sexuelle Orientierung
Der Begriff der sexuellen Orientierung stellt sich in der wissenschaftlichen Literatur relativ komplex dar. Intensiv diskutiert werden vor allem Begrifflichkeiten wie sexuelle Orientierung und sexuelle Identität (z. B. Garnets, 2002; Savin-Williams 2016; Bosse und Giodo, 2016).
Lesbische und schwule Personen
Bei Personen, die sich als lesbisch beschreiben, zeigt sich eine Bandbreite von 0,9 % (z. B. Callander et al., 2020) bis 1,8 %, (z .B. De Schrijver et al., 2023) bezogen auf die Gesamtheit der in der jeweiligen Studie befragten Frauen.
Die Schwankungsbreite der Ergebnisse bei Befragungen von Personen, ob diese sich als schwul einordnen, erscheint größer: Die Range beträgt 1,9 % (Gilmour, 2019) bis 3,78 % (De Schrijver et al., 2023).
Die IPSOS-Studie (2021) weist auf die Bedeutung von Same-Sex-Phänomenen hin: 60 % der Personen, die sich als lesbisch/schwul beschrieben, gaben ausschließlich gleichgeschlechtliche Anziehung an, ca. 30 % fühlen sich überwiegend zum gleichen oder gleichermaßen zu „beiden“ Geschlechtern hingezogen (IPSOS, 2021). Diese Befragung in 25 Staaten6) erbrachte als „globalen Durchschnitt“ (allerdings nicht nach Bevölkerungszahlen gewichtet): 70 % der Gesamtbevölkerung fühlen sich sexuell ausschließlich von gegengeschlechtlichen Personen angezogen, 17 % fühlen sich überwiegend zum gleichen oder gleichermaßen zu „beiden“ Geschlechtern hingezogen und 5 % beschreiben sich als ausschließlich gleichgeschlechtlich orientiert. Allerdings variierte die Bereitschaft, sich bei der Befragung bezüglich der Orientierung „einzuordnen“, länderspezifisch: bei der Befragung von Personen aus Malaysia verzichteten 15 % der Befragten auf Angaben, in Indien und Deutschland 9 %, in Australien, den Niederlanden und Spanien 6 %.
Das Bi+ Spektrum
Bei Befragungen von Personen aus dem Bi+ Spektrum („Bi+ Spektrum“ meint bi-, pan-, omni-, polysexuelle Personen und andere) ist die Schwankungsbreite noch größer. Die Ergebnisse einzelner nationaler Befragungsstudien (z. B. Geary et al. in UK, Gilmour in Kanada, Wilson et al. in Australien, Liebesleben in Deutschland) weisen auf relativ geringe Schwankungsbreiten hin, mit Bi+ Bevölkerungsanteilen zwischen 1,15 und 1,6 %. Es gibt allerdings „Ausreißer“ nach unten: 0,8 % (Wells et al., 2011, für Neuseeland), 0,9 % für Frauen und 0,4 % für Männer in den USA (Jackson et al., 2017), aber auch nach oben. De Schrijver und Mitarb. finden in Belgien 4,52 % bi+ Personen für bei Geburt als männlich zugeordnete Personen und 6,99 % für bei Geburt als weiblich zugeordnete Personen. Befragungen in den USA ergaben zumindest für weibliche Jugendliche oft noch höhere Werte. Grundsätzlich scheinen sich Frauen eher als bi+ zu verorten als Männer. Für nicht-binäre Personen liegen keine belastbaren Daten vor.
Bemerkenswert auch die Heterogenität der Bi+-Population: Laut IPSOS-Studie (2021) machten Personen, die sich als bisexuell+ einordnen, bei der Befragung folgende Angaben zu ihrem sexuellen Partnerpäferenzen: 2 % fühlen sich nur vom gleichen Geschlecht, 9 % meistens vom gleichen Geschlecht, 48 % gleichmäßig von beiden Geschlechtern, 28 % meistens vom anderen Geschlecht angezogen und 11 % ausschließlich vom anderen Geschlecht angezogen.
Auch Ergebnisse aus der britischen NATSAL-3 (2010/12) und der deutschen Studie Liebesleben von 2018 geben Hinweise, dass zwischen Anziehung, Verhalten und Selbstbeschreibung teils erhebliche Differenzen bestehen.
Das asexuelle Spektrum
Die Anzahl asexueller Personen ist aufgrund der Heterogenität des asexuellen Spektrums schwer abzuschätzen.7) Neben Personen, die sich als „asexuell“ beschreiben, gibt es zwei größere Gruppen (demisexuelle und grau-asexuelle Personen) und zahlreiche kleinere Gruppen, die sich je nach Fragestellung nicht notwendigerweise als asexuell labeln. Vorausgesetzt, eine Multiple-Choice-Frage lässt überhaupt die Möglichkeit, „asexuell“ anzukreuzen (was selten vorkommt, wie Guz et al., 2022, beobachten). Zudem erschweren Stereotype die Erhebung statistischer Daten: Eine asexuelle Selbstbeschreibung bedeutet nicht automatisch ein Leben ohne Paarbeziehung oder eine Lebensweise ohne sexuelle Erfahrungen, daher schwanken die Ergebnisse je nach verwendeter Definition. Betrachten wir beispielsweise die Selbstauskunft „Ich habe noch niemals sexuelle Anziehung erlebt“, wie in den britischen NATSAL-Studien 1 bis 3, so bestätigen dies knapp 0,5 % (NATSAL-2, 2003) bis 1,05 % (Bogaert, 2014) der Befragten, wobei Frauen in der Überzahl sind. Diese entsprechen keineswegs der Gruppe von Personen, die sich als asexuell beschreiben würden. Zumal die Definition von Asexualität anhand der „Abwesenheit sexueller Anziehung“ auf demi- und grau-asexuelle Personen nicht zutrifft. Die deutsche Pilotstudie „Liebesleben“ (2018) eruierte 0,3 % asexuelle Personen (bei äußerst geringer Rücklaufquote), die Studie von Greaves und Mitarb. (2017, Neuseeland) 0,4 % Menschen aus dem asexuellen Spektrum (bei einem mit 20 % hohen Anteil verweigerter Auskünfte); die belgischen Autor_innen um De Schrijver (2022) berichten von 0,6 % bei kleiner Stichprobe, aber akzeptablem Rücklauf.