EINFÜHRUNG 4. TEIL
Chatbots als Philosoph:innen?
Geschlecht -- ein Sammelsurium an Vorstellungen und Theorien
Die Vielfalt an Geschlechtstheorien erschlägt einen. Eine der zahlreichen Theorien besagt, Geschlecht sei eine rein körperlich Angelegenheit, siehe Penis, Vagina etc. Psychologische Theorien hingegen gehen das Thema seelisch an, mit „Konstrukten“ wie z. B. geschlechtliche Identität, Trieb (womöglich ein ganz dunkler, finsterer) oder glühende Liebe, knisternde Erotik, geile Wollust. Soziologen beforschen fleissig Geschlechtsrollen wie z.B. aufopfernde Mutter, strenger, aber gerechter Vater, zärtliche Frau, mutiger Mann.
Quelle des Geschlechts, so liest man gelegentlich, wären die körperlichen Geschlechtsorgane, die unser Denken und Fühlen „beeinflussen“. Andere wiederum sind überzeugt, dass wir alle gemeinsam einem mächtigen Glauben an das körperliche Geschlecht huldigen: Dieses Body-Glaubenssystem wäre so mächtig, dass wir uns darauf versteifen würden, Geschlecht ausschliesslich als körperlich anzusehen (Derartige Glaubenssysteme bezeichnet man auch als „Diskurs“).
Dem gegenüber betonen Psycholog:innen, Geschlecht wäre vor allem ein seelisches Etwas, es gäbe weibliche, männliche usw. Seelen.
Oder Soziolog:innen: Menschen erfüllen geschlechtliche Rollenvorgaben: Eine Mutter, Ehefrau hat zu …
Ach ja, Hirnforschung darf auch nicht fehlen: Das Geschlecht sitzt zwischen den Ohren, Geschlecht thront im Gehirn. Bei Freud sass die Sex-Power noch im Penis.
Mediziner:innen sind den Geschlechtskrankheiten auf der Spur. Psychiater überwachen traditionell geschlechtliche Perversionen und Störungen …
Etwas verwirrend - - finden Sie nicht?
Normal und Abweichendes
All diese Theorien haben, bei aller Zersplitterung und Verschiedenheit, jedoch eines gemeinsam: Es wird, mehr oder minder offen, gewertet und abgewertet. Mediziner:innen beziehen sich auf den normal funktionierenden Mann (in Abhebung von Anomalien Männern) und die Normphysiologie der Frau, Judith Butlers Denken reflektiert die geschlechtliche Normalität, Psychiater:innen gehen von „stabilen“ und „kontinuierlichen“ Geschlechtsidentitäten aus (Instabiles wird ausgeschlossen). Geschlechtliche Binarität, sprich die Idee, Geschlecht sei ausschliesslich entweder männlich oder weiblich, wird als grosse Erzählung abgewertet.
Jegliche Theorie über Geschlecht und Sexualität ist von Wertungen durchzogen. Selbst nüchternste Zusammenfassungen enthalten versteckte Bewertungen – und sei es nur in Nuancen.
Ontologie
Das Theoriegewirr beim Thema Geschlecht ist kein Einzelfall. Um in solchen Fällen eine Übersicht zu bekommen, haben Philosoph:innen ein spezielles „Übersichtsfach“ kreiert, das sie Ontologie nennen. Was tun Ontolog:innen? Sie versuchen einen Realitätausschnitt oder gar die Realität selbst grundlegend, also in ihren grundlegenden Bezügen theoretisch, sachlich zu beschreiben, zu erfassen und zusammenzufassen. Ontolog:innen bringen auf den Punkt, worum es sich im Kern bei einer Sache handelt, was eine Sache im Wesentlichen ist. Sie beschäftigen sich mit den Wurzeln der Existenz einer Sache. Ontologie meint das Entdecken grundlegender (fundamentaler) Eigenschaften von Realitäten bzw. Realitätsausschitten. Dadurch ist es beispielsweise möglich Theorien besser einzuordnen.
Typische ontologische Fragestellungen bezüglich Geschlecht sind:
- Was ist Geschlecht grundsätzlich?
- Was ist Geschlecht von Menschen?
- Gibt es ein natürliches Geschlecht?
- Ist Geschlecht eine gesellschaftlich Konstruktion?
- Was ist Geschlechtsleben?
- Gibt eine geschlechtliche Seele?
- Was unterscheidet menschliches und tierliches Geschlecht?
In der Ontologie geht es immer um die Realität und die Existenz von etwas, also ums Grosse und Ganze.
Wir haben weiter oben festgestellt, dass bei solchen Fragestellungen bezüglich Geschlecht mehr oder minder offen Bewertungen eine Rolle spielen. Die gesamte traditionelle Geschlechtsontologie ist von (Ab)Wertungen durchsetzt, wenngleich manchmal auch nur in Nuancen. Und diese Abwertungen beziehen sich meist negativ auf etwas Anderes, das irgendwie abweicht von Meinem und Unserem. Und das ausgeschlossen oder zur Seite gelegt wird.
Chatbots sind keine Ontologen
Chatbots können aus bisherigen Contents mehr oder minder treffende Zusammenfassungen erstellen. Wenn es aber darum geht, kreativ neue, grundlegende Muster herauszufinden bzw. „herauszudestillieren“ und diese kritisch zu hinterfragen, kann kaum Unterstützung durch Chatbots erwartet werden.
Im nächsten Teil schauen wir uns an, ob Chatbots einen roten Faden finden können.
Fortsetzung: EINFÜHRUNG 5. TEIL