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EINFÜHRUNG 3.TEIL
Theoriebots?
Beziehungen und ein Nenner
Lévinas hat viele geschlechtliche Beziehungen untersucht: Mutterschaft, Vaterschaft, Sohnschaft, Weiblichkeit, Liebende. Er hat ein ganzes, buntes Universum geschlechtlicher Beziehungen beschrieben und herausgearbeitet, dass all diesen vielfältigen geschlechtlichen Beziehungen einen einzigen gemeinsamen Nenner haben, nämlich tiefe, pure Menschlichkeit und Liebe.
Aber wie kam er schliesslich auf diesen gemeinsamen Nenner? Hatte er eine Eingebung, half ihm seine Kreativität oder haben Andere ihn inspiriert?
Die Aufklärung endet nie
Ich würde sagen, von allem etwas, niemand fängt komplett bei Null an.
Aber: Was aussieht wie das Werk eines Genies, beruht meistens auf einer jahrelangen geistigen Anstrengung.
Einstein hat viele Jahre, ja Jahrzehnte gebraucht, um seine Relativitätstheorien zu kreieren. Das ist in der Philosophie und Ethik nicht anders. Es braucht viele Versuche und Anläufe, um zu grundlegend neuen Einsichten zu kommen. Oft kleben wir fest am traditionellen Denken mit all seinen starren Vereinfachungen und Vorurteilen. Positives Denken hingegen wagt ständig den Aufbruch, verschreibt sich der Differenzierung und vermeidet Optimismus. Dinge ändern sich nicht von selbst, sondern erst, wenn man für die Veränderung eintritt und Konflikte wirklich austrägt.
Schräges Thema
Paul Feyerabend, Enfant terrible unter den Wissenschaftsphilosophen, hat immer Mut gemacht, bei ungewöhnlichen Themen auch ungewöhnliche Methoden einzusetzen: Schräge Fragestellungen erfordern schräges Vorgehen, um ungewöhnliche Antworten zu erhalten.
Genau das hat Lévinas gemacht, er verwendete bei seinen Analysen des Menschlichen des Geschlechts „exotische“ und unorthodoxe Werkzeuge.
In der Queer-Theorie ist es gang und gäbe, Geschlecht /Gender als etwas Queeres/Schräges anzusehen. Denn Einerseits: Bei keinem Thema sind wir so als Einzelne intim-persönlich hochemotional getroffen, sind wir nackt, verletzlich und verletzt. Andererseits: Gibt es ein komplizierteres Thema, das zur Mythen-und Legenden Bildung förmlich anregt, bei dem kulturelle Verklemmtheit exzessiv dominiert, bei dem mehr gelogen wird und die Wissenschaft mehr Vorurteile/Stereotypen produziert hat als irgendwo sonst? Geschlecht gehört zu den elementarsten, schrägsten und kompliziertesten Themen der Menschheit.
Die Reise in eine tiefe Schicht
Geschlecht ist nicht objektivierbar. Denn Geschlecht ist leiblich empfundenes Geschlecht. Ich kann mich dem Geschlecht nur nähern, wenn ich es als geschlechtliche Andersheit, das geschlechtlich Andere, in und an mir vergegenwärtige. Beispiel: In der Pubertät erfahre ich eine geschlechtliche Fremdheit in und an mir, die das ICH in Bann zieht und an der sich das ICH immer mehr orientiert. Auch in den Beziehungen zu Anderen („dritten“ Personen) erlebe ich geschlechtlich Fremdes. Diese Fremdheit ist das geschlechtlich Besondere, das mir gegeben ist. Geschlechtlichkeit bestimmt sich nicht als Identität, sondern wesentlich als Alterität (Andersheit). Geschlecht ist fluide. Die festschreibenden Sexualwissenschaften befinden sich auf einem Holzweg. Sie verfehlen das Thema.
Aus diesem Gründen ist das Wesentliche des Geschlechts weder von aussen bestimmbar noch erforschbar. Es kann nur durch mich selbst erfahren und beschrieben werden, ich muss bei der Beschreibung alle Vorurteile und „objektive“ Suchaktionen nach Merkmalen aussen vor lassen und mich immer genauer allmählich in die geschlechtliche Andersheit in, an und gegenüber mir vertiefen. Sodass ich das geschlechtlich Andere in seinen Wesenszügen vergegenwärtigen kann.
Das hierzu von Lévinas vorgeschlagene und selbst angewendete, hervorragend geeignete Verfahren nennt man Phänomenologische Analyse. Es wurde von einem Philosophen namens Edmund Husserl Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt.
Wir werden im Themenpark „Denkwerkzeuge“ dieses Verfahren kennen und anwenden lernen, nämlich in der Version des amerikanischen Wissenschafthistorikers Herbert Spiegelberg, der hierzu einen sehr verständlichen Kurs verfasst hat.
Dies alles klingt zunächst sehr abgehoben und schwierig, aber das täuscht: Phänomenologie ist leicht erlernbar, da man mit den eigenen Erfahrungen/Erlebnissen arbeiten kann. Das ist mir wesentlich näher als irgend eine objektive mathematische Formel oder ein Axiom.
Chatbots sind keine U-Boote
Sich derartig in die eigenen leiblichen Erlebnisse und Erfahrungen zu vertiefen, vermag kein Chatbot. Ein Chatbot kann eventuell helfen Muster zu erkennen, etwa in Interviewtexten, aber das lebendige leibliche Existieren und Gewahrwerden des „jemeinigen“ Erlebnisstroms in und an mir ist seine Sache nicht. Vor allem vermag er keine Theorie daraus zu giessen.
Fortsetzung: EINFÜHRUNG 4. TEIL