EINFÜHRUNG 2.TEIL
Helfende Chatbots?
Geschlecht ist zutiefst menschlich
Der französisch-litauische Philosoph Emmanuel Lévinas (1905 - 1995) hat sich Zeit seines Lebens mit geschlechtlichen Beziehungen beschäftigt. Er hat diese Art von Beziehungen in ihrer ganzen Tiefe ausgelotet und herausgefunden, dass das tiefe Fundament geschlechtlicher Beziehungen die reine Menschlichkeit ist.
Die Mutter und ihr Baby, die Liebenden, Vater und Sohn, Geschwister untereinander, all diese Beziehungen lernt man durch Lévinas neu kennen und in ihrer menschlichen Tiefe verstehen. In geschlechtlichen Beziehungen manifestieren sich Liebe und Menschlichkeit. Lévinas hat in den Genderwissenschaften eine Revolution eingeläutet; unter anderem sind Jacques Derrida, François Lyotard und Judith Butler seine Schüler:innen.
Bedingungslose Hingabe
Versuchen wir Lévinas' Gedanken tiefer Menschlichkeit an seinem Beispiel der Mutterschaft zu verstehen, das er erstmals in seinem berühmten Werk von 1974, das den Titel „Jenseits des Seins oder anders als Sein geschieht“ trägt, vorgestellt hat.
Lévinas' Grundgedanke: Die Mutter öffnet sich bedingungslos ihrem Baby, sorgt für es ohne Unterlass, es steht absolut im Mittelpunkt. Denn: Ihr Baby strahlt Verletzlichkeit aus, die ihre Mutter auf den Plan ruft. Diese Verletzlichkeit des Babys „erinnert“ die Mutter an ihre eigene Verletzlichkeit und Verletzungen.
Mutterschaft heisst zunächst und ausschliesslich an das Kind zu denken, unbequem zu leben, weil die Mutter ausschliesslich für das lhr Baby „da“ ist und sich bedingungslos einseitig kümmert. Eine Mutter „spürt“, was das Baby ihr abverlangt, wobei das Baby unbegreiflich und unberechenbar bleibt. Die Mutter steht in absoluter Verantwortung und unterliegt in ihrem Dasein für ihr Baby ständigen Zerreissproben. Das Baby wird zum absoluten Bezugspunkt in ihrem Leben. Es begründet ihre Existenz. Ihr Leben hat über diesen Auftrag eine tiefgreifende Wende erfahren.
Jenseits jeder Vernunft und Logik: Bedingungslose Menschlichkeit ist radikal
Lévinas hat das zutiefst Menschliche, den Wesenskern von Mutterschaft förmlich herausdestilliert, als radikale, bedingungslose, gebietende Menschlichkeit, die Verantwortungsübername für den Anderen erzwingt. Dies geht in der Absolutheit Lichtjahre über das hinaus, was wir im Alltag als „selbstloses“ Sich-Kümmern und Sich-Sorgen um „jemanden“ verstehen. Die Verantwortungsübernahme kann soweit gehen, dass ich bereit für den Anderen mein Leben hinzugeben.
Hilflose Chatbots
Diese Art von „Samaritertum“ mit Leib und Seele zu leben, das vermag kein Chatbot. Die grenzenlose Menschlichkeit orientiert sich an keinem Kalkül, sie gehorcht keinem Algorithmus und in ihrer Unberechenbarkeit ist sie immer am Zug.
Im nächsten Abschnitt erfahren wir, wie man auf solche Gedanken kommt und dass einem Chatbot so etwas nie einfallen würde.
Fortsetzung: EINFÜHRUNG 3. TEIL