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de:projekt_popreview_plainshort [2025/02/09 13:39] – [Trans, nicht-binäre, transgender und transexuelle Personen] c.hauptde:projekt_popreview_plainshort [2025/02/09 17:51] (aktuell) – [Woher stammen die Zahlen?] c.haupt
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 ====== Wie viele lsbattiq Personen leben in Baden-Württemberg? Und können wir sie überhaupt zählen? ====== ====== Wie viele lsbattiq Personen leben in Baden-Württemberg? Und können wir sie überhaupt zählen? ======
-**Corinna Wintzer und Dr. Dr. Claudia Haupt (Themengruppe Evidenz Netzwerk LSBTTIQ Baden-Württemberg, GRADE-HSU Working Group)**+ 
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 + (Version in allgemeinverständlicher und inklusiver Sprache)  
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 +**Autorinnen: Corinna Wintzer und Dr. Dr. Claudia Haupt (Themengruppe Evidenz Netzwerk LSBTTIQ Baden-Württemberg, GRADE-HSU Working Group)**
  
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 Die Themengruppe Evidenz beschloss daher, einen Scoping Review, d. h. eine spezielle Übersichtsarbeit zu erstellen. Ein Review erfordert eine systematische Recherche in verschiedenen wissenschaftlichen Literaturdatenbanken. Diese wurde Die Themengruppe Evidenz beschloss daher, einen Scoping Review, d. h. eine spezielle Übersichtsarbeit zu erstellen. Ein Review erfordert eine systematische Recherche in verschiedenen wissenschaftlichen Literaturdatenbanken. Diese wurde
 von Jaqueline Huber von der Universität Zürich durchgeführt. Auf Grundlage dieser Recherche erfolgt nun die Datenauswertung und Bewertung der Ergebnisse. Dieser Text gibt einen ersten Überblick über die Ergebnisse. von Jaqueline Huber von der Universität Zürich durchgeführt. Auf Grundlage dieser Recherche erfolgt nun die Datenauswertung und Bewertung der Ergebnisse. Dieser Text gibt einen ersten Überblick über die Ergebnisse.
-Eine ausführlichere und komplexere Form dieses Textes finden Sie hier:+Eine ausführlichere und komplexere Form dieses Textes finden Sie hier: [[https://transevidencewiki.dghce.de/doku.php?id=de:projekt_popreview_plainlong|Fachartikel Langversion]]
  
 ===== Ergebnisse zum Thema Geschlecht ===== ===== Ergebnisse zum Thema Geschlecht =====
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 ==== Lesbische und schwule Personen ==== ==== Lesbische und schwule Personen ====
 +Als lesbisch beschreiben sich in den jeweiligen Studien etwa 0,9 % bis 1,8 % der befragten Frauen. 
 +Bei den Männern, die sich als schwul einordnen, ist die Schwankungsbreite größer. Sie beträgt zwischen 1,9 % und 3,78 % der befragten Männer.\\
 +Manche Studien fragen nicht nur nach der Selbstbeschreibung. Sie fragen auch, zu welchen Geschlechtern sich die Menschen hingezogen fühlen. Einige Studien fragen dazu auch ab, welche sexuellen Erfahrungen die Menschen haben.\\
 +Dabei zeigt sich häufig, dass sich nur ein Teil der Personen, die sich ausschließlich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlen, sich als lesbisch, schwul oder homosexuell beschreiben. Auch der Anteil der Menschen, die sich zu mehr als einem Geschlecht hingezogen fühlen, ist deutlich höher als die Zahl derer, die sich als bi oder pan beschreiben.
 +
 +==== Das Bi+ Spektrum ====
 +Das Bi+-Spektrum umfasst bi-, pan-, omni-, polysexuelle und andere Personen.\\
 +Bei Befragungen ist die Schwankungsbreite dieser sexuellen Orientierungen sehr groß.\\
 +In einigen größeren nationalen Befragungsstudien aus Großbritannien, Kanada, Australien und Deutschland finden sich zwischen 1,15 % und 1,6 % Personen, die sich als bisexuell beschreiben.\\
 +Es gibt allerdings „Ausreißer“ sowohl nach unten als auch nach oben. Aus Neuseeland stammt eine Schätzung mit 0,8 %. In Belgien fand eine große nationale Umfrage 4,52 % bi+ Personen für bei Geburt als männlich zugeordnete Personen und 6,99 % für bei Geburt als weiblich zugeordnete Personen. Befragungen in den USA ergaben häufig noch höhere Werte, zumindest für weibliche Jugendliche. Grundsätzlich scheinen sich Frauen eher als bi+ zu verorten.
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 +==== Das asexuelle Spektrum ====
 +Zum asexuellen Spektrum gehören asexuelle Personen, demisexuelle und grau-asexuelle Personen sowie zahlreiche kleinere Gruppen. Je nach Fragestellung beschreiben sich nicht alle dieser Personen als asexuell. In vielen Studien gibt es auch gar nicht die Möglichkeit, sich als asexuell oder ace zu beschreiben.\\
 +Legt man nur die Selbstbeschreibungen zugrunde, ergibt sich eine Spanne von 0,3 % (Deutschland) über 0,4 % (Neuseeland) bis 0,6 % (Belgien).
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 +==== Queere Personen ====
 +Für „queer“ gibt es eine Fülle an unterschiedlichen Definitionen. Eine einheitliche Gruppe ist daher kaum zahlenmäßig erfassbar.
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 +===== Ergebnisse zu Überschneidungen =====
 +Die IPSOS-Befragung (2021) schlüsselte sexuelle Orientierungen auf Grundlage von Selbstbeschreibungen auf.\\
 +Von den befragten trans und nicht-binären Personen beschrieben sich 19 % als lesbisch/schwul/homosexuell, 9 % als bisexuell, 17 % als pan- oder omnisexuell, 19 % als heterosexuell, 7 % als anderes, 12 % gaben „weiß ich nicht“ an und 4 % machten keine Angaben.
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 +===== Fazit =====
 +Natürlich sind wir nicht die ersten, die versuchen, die Frage zu beantworten, wie viele lsbattiq Menschen es gibt. Schon die historisch gewachsene und im deutschsprachigen Raum einzigartige Buchstaben-Kombination „LSB(A)TTIQ“ wies uns auf eine augenscheinliche Schwierigkeit hin: Wonach suchen wir am besten? Wie definieren die Forschenden, was sie untersuchen? Nützen uns diese Definitionen? Zumal die Definitionen in einem spezifischen kulturellen Umfeld entstanden sind und entstehen (In der Sexualwissenschaft und in den Medien werden meist in Europa und Nordamerika entstandene Bezeichnungen verwendet. Diese unterscheiden sich teils erheblich von Begriffen z. B. indigener Kulturen).\\
 +Geschlecht und Sexualität sind sehr vielfältig. Mit den in Fragebögen üblichen Multiple-Choice-Verfahren und ihren begrenzten Antwortmöglichkeiten ist es schwierig, dieser Vielfalt gerecht zu werden.\\
 +Dies ist einer der Gründe, warum wir keine festen Zahlen angeben, sondern lieber Schwankungsbreiten angeben.\\
 +Geschlechtliche Vielfalt und sexuelle Orientierung mögen häufig in den Medien auftauchen. Beides sind in der Regel sehr persönliche Tabuthemen, vor allem für Menschen, die einer „Minderheit“ zugerechnet werden und häufig Diskriminierungserfahrungen machen. Schon bei der Formulierung von Fragen können sich Missverständnisse und Verzerrungen einschleichen.\\
 +Daher wird das Thema auch in gut anonymisierten Studien von einigen Personen gemieden. Ein unbekannter Anteil macht vermutlich falsche Angaben. Hier scheint der politische Hintergrund nicht unerheblich zu sein: Konservative Personen verstecken ihre sexuelle Orientierung wohl eher als liberal eingestellte.\\
 +Deshalb kann das Gesamtergebnis einer Befragungsstudie verzerrt sein und die „wahre“ Einstellung der Befragten nur ungenau erfassen. Auch aus diesem Grund haben wir die Werte verschiedener Befragungen zusammengetragen und geben die Bandbreite der Studienergebnisse wieder.\\
 +Manche Studien fragen nach drei verschiedenen Gesichtspunkten: Anziehung, Verhalten und Selbstbeschreibung. Hier zeigen sich teils sehr große Unterschiede. Denn Menschen lassen sich leider nicht „sauber“ in klassische „Schubladen“ aufteilen. 
 +Aus diesen Unterschieden lässt sich jedoch ableiten, dass sich Antidiskriminierungsmaßnahmen nicht nur für die offenkundige Community in Baden-Württemberg lohnen. Auch „verborgene“ Gruppen würden davon profitieren, wenn eine größere Bandbreite sexuellen Verhaltens und geschlechtlichen Ausdrucks gesellschaftlich akzeptiert würde.\\
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 +===== Einige wichtige Literatur =====
 +Arcelus, J., Bouman, W. P., Van Den Noortgate, W., Claes, L., Witcomb, G., & Fernandez-Aranda, F. (2015). Systematic Review and Meta-Analysis of Prevalence Studies in Transsexualism. European Psychiatry, 30(6), 807–815. https://doi.org/10.1016/j.eurpsy.2015.04.005\\
 +
 +Collin, L., Reisner, S. L., Tangpricha, V., & Goodman, M. (2016). Prevalence of transgender depends on the “case” definition: a systematic review. The journal of sexual medicine, 13(4), 613-626. http://dx.doi.org/10.1016/j.jsxm.2016.02.001\\
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 +Geary RS, Tanton C, Erens B, Clifton S, Prah P, Wellings K, et al. (2018) Sexual identity, attraction and behaviour in Britain: The implications of using different dimensions of sexual orientation to estimate the size of sexual minority populations and inform public health interventions. PLoS ONE 13(1): e0189607. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0189607\\
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 +Guz, S., Hecht, H.K., Kattari, S.K. et al. A Scoping Review of Empirical Asexuality Research in Social Science Literature. Arch Sex Behav 51, 2135–2145 (2022). https://doi.org/10.1007/s10508-022-02307-6\\
 +
 +Hauck, L., Richter-Appelt, H., & Schweizer, K. (2019). Zum Problem der Häufigkeitsbestimmung von Intergeschlechtlichkeit und Varianten der Geschlechtsentwicklung: Eine Übersichtsarbeit. Zeitschrift für Sexualforschung, 32(02), 80-89. https://psycnet.apa.org/doi/10.1055/a-0897-0404\\
 +
 +IPSOS. LGBT+ PRIDE 2021 GLOBAL SURVEY. https://www.ipsos.com/en/ipsos-lgbt-pride-2021-global-survey (zuletzt geprüft 5.7.24)\\
 +
 +Matthiesen S, Dekker A, Brunner F, Klein V, Martyniuk U, Schmidt D, Wendt J, Briken P (2018). Liebesleben. Sexuelles Verhalten, Einstellungen und sexuelle Gesundheit in Deutschland. Erste Ergebnisse einer Pilotstudie zur Erwachsenensexualität. https://gesid.eu/wp-content/uploads/2018/09/Endbericht-Pilotstudie-2017.pdf (zuletzt geprüft 17.11.2024)\\
 +
 +Marchi M, Arcolin E, Fiore F, Travascio A, Uberti D, Amaddeo F, Converti M, Fiorillo A, Mirandola M, Pinna F, Ventriglio A, Galeazzi GM & Italian Working Group on LGBTIQ Mental Health (2022). Self-harm and suicidality among LGBTIQ people: a systematic review and meta-analysis, International Review of Psychiatry, 34:3-4, 240-256, https://doi.org/10.1080/09540261.2022.2053070\\
 +
 +McCann H, Monaghan W, Queer Theory Now. From Foundations to Futures, London 2020.\\
 +
 +Pöge, K., Dennert, G., Koppe, U., Güldenring, A., Matthigack, E. B., & Rommel, A. (2020). Die gesundheitliche Lage von lesbischen, schwulen, bisexuellen sowie trans- und intergeschlechtlichen Menschen. Journal of Health Monitoring, 5(S1), 1-30. https://doi.org/10.25646/6448\\
 +
 +Savin-Williams, R. C. (2016). Sexual orientation: Categories or continuum? Commentary on Bailey et al. (2016). Psychological Science in the Public Interest, 17(2), 37-44. https://doi.org/10.1177/1529100616637618\\
 +
 +Schreiber, G. (2022). Im Dunkel der Sexualität. Sexualität und Gewalt aus sexualethischer Perspektive, Berlin/Boston: De Gruyter.\\ 
 +
 +The Williams Institute, UCLA School of Law, Herman, J.L., Flores, A.R., O’Neill, K.K. (2022). How Many Adults and Youth Identify as Transgender in the United States? https://williamsinstitute.law.ucla.edu/publications/trans-adults-united-states/ (zuletzt geprüft 5.7.24)\\
 +
 +West, B. T., & McCabe, S. E. (2021). Choices matter: How response options for survey questions about sexual identity affect population estimates of its association with alcohol, tobacco, and other drug use. Field methods, 33(4), 335-354. [[https://doi.org/10.1177/1525822X21998516]] \\
 +
 +Zhang, Q., Goodman, M., Adams, N., Corneil, T., Hashemi, L., Kreukels, B., Motmans, J., Snyder, R., & Coleman, E. (2020). Epidemiological considerations in transgender health: A systematic review with focus on higher quality data. International Journal of Transgender Health, 1-13. https://doi.org/10.1080/26895269.2020.1753136\\
  
  
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